Also dann bis später, Tofu!

Tofu auf der Tour 2010*Tofu*

2009 habe ich ihn kennengelernt - als eigenwilligen Menschen irgendwie
am Rande der Tour. Einer, der viel mehr mit erstaunlich wachem
Bewusstsein und feinem Gespür für menschliche Fragen als mit strahlender
Tatkraft ausgestattet war. Es war nicht einfach, während der rollenden
Tour oder auf den Tourtreffen den richtigen Abstand zu einander auszuloten.
Auf der Tour 2015 waren wir dann doch so warm miteinander, dass er sich
von mir wissen wollte, wie er sein frisch und hoffnungsvoll gekauftes
Skizzenbuches benutzen könnte. Das überraschte mich doch. Wie er sagte,
sehnte er sich danach, in Zeichnungen einfach mal unbeschwert
auszudrücken zu können, was ihm so durch den Kopf und Herz ging oder was
er erlebte.
Nun, als Künstlerin wusste ich, was er meinte und wie schwer es werden
kann, wenn zwar wache Sinne, nicht aber genug Selbstvertrauen oder Übung
oder Mut zur Lücke vorhanden sind. Über dies und derlei Themen
unterhielten wir uns eine Weile.
Soweit ich erinnere, blieb es bis zum Ende dieser Tour bei dem Wunsch zu
zeichnen, und er schleppte sein Skizzenbuch wieder mit nach Hause,
vermutlich ungenutzt.
Das intime, vertrauensvolle Gespräch über die eigenen Unzulänglichkeiten
und den damit verbundenen Schmerz der Unerfülltheit jedoch ist mir im
Gedächtnis geblieben. Zu sehen, zu wollen, es aber irgendwie doch nicht
tun zu können - ... wer weiß, wieviele solcher Schätze auf seinem
(alkoholischen) Meeresgrund noch zu finden gewesen wären.

Mit Tofu ist für mich ein soziales Gedächtnis der Tour und vor allem
eine subtile Herzenskraft verloren gegangen.
Noch auf dem Vorwuselwochenende im März 2017 in Erfurt hat er sich
bereit erklärt, die Einführung des Herzplenums auf der kommenden Tour
mitzutragen. "Prima. Wir verständigen uns noch darüber". Danach hörte
und las ich nichts mehr von ihm. Bis zur Tour. Dort brachte er sich dann
ein wie versprochen, indem er in seiner ruhigen Art die Leitung der
Rederunden übernahm.
Eigentlich hatte ich vorgehabt, zusammen mit ihm über die erlebten
Herzplena und ihre Eignung als Tour-Werkzeug zu reflektieren. Bei dieser
Gelegenheit wollte ich mich vor allem endlich in Ruhe und ausdrücklich
bei ihm bedanken - für seine Unterstützung auf dieser Ebene der
Kommunikation. Doch die Tour rollte weiter und ich begegnete ihm nur
noch in seltenen, kurzen Momente. Ok, vielleicht beim Nachtreffen,
dachte ich.
Ja - dachte ich. Nun gibt es niemals mehr eine Gelegenheit dafür...

Neben der Trauer und Betroffenheit bin ich irgendwie auch beeindruckt,
dass Tofu am Ende offenbar allen hektischen Errettungsversuchen,
freiheitsraubenden Aufenthalten auf Intensiv-, Reha- oder
Alterspflegestationen entgangen ist. Ich nehme Abschied von jemandem,
der es trotz allem geschafft hat, sich seinen eigenen Tod nicht aus der
Hand nehmen zu lassen.

Also dann bis später, Tofu!

Anne