Dienstag, 24.07.2018: Vierter Tag der Tour de Natur – von Witzenhausen nach Göttingen (35 km)

Dieser herrliche Hochsommertag begann mit einem reichlichen Frühstück aus Fläming Kitchen in der Morgensonne vor dem angenehmen und großen Übernachtungsquartier, der Turnhalle an der Johannisbergschule.

Frühstück in Witzenhausen

Frühstück in Witzenhausen

Die erste Etappe führte über die B27 durch die schöne, weil hügelige und zum Teil bergige, immer wieder bewaldete und zugleich landwirtschaftlich genutzte Landschaft Nordhessens zum Dorf Hebenshausen. Hier soll ein riesiges (80 bis 100 Hektar Flächenbedarf) Logistikzentrum erbaut werden. Die Ackerflächen gehören zu einer hessischen Domäne, die verpachtet ist, befinden sich also im Staatsbesitz. Veräußert und bebaut und somit auch versiegelt werden sollen Ackerflächen, die mit einer Bodenpunktzahl von 70 bis 87 (das Maximum beträgt 100) zu den fruchtbarsten in Deutschland gehören. Verständlich, dass viele Landwirte der Region über diese Zweckentfremdung empört sind. Und viele Bewohner der Region wünschen den Erhalt ihrer schönen Mittelgebirgslandschaft, sie fürchten eine extreme Steigerung der Verkehrsbelastung (insbesondere extensive LKW-An- und Auslieferung; Bahnanschluss ist möglich, wird aber nicht geplant). Die Tour de Natur besichtigte das bereits in die Vermessung gekommene Gelände und gab auf den just abgeernteten Getreidefeldern ein Zeichen ihres solidarischen Protestes gegen dieses noch verhinderbare Vorhaben – zusammen mit der Bürgerinitiative für ein lebenswertes Neu-Eichenberg (https://neb-bleibt-ok.deund der „junge(n) Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ (jabel). Dort stieß auch die MdB Sabine Leidig (Die Linke) zu uns und fuhr ein Stück mit.

Protestveranstaltung gegen den geplanten Logistikpark Eichenberg (Foto von live-portraits, kassel)

Protestveranstaltung gegen den geplanten Logistikpark Eichenberg (Foto von live-portraits, kassel)

Angenehme Abkühlung, Erfrischung mit Getränken und Stärkung mit Gemüse und Backwerk gab es anschließend beim Gemüsekollektiv Dorfgarten in Hebenshausen (https://dorfgarten.org), einem erfolgreichen Beispiel „Solidarischer Landwirtschaft“ (SoLaWi). Hier leben Menschen zusammen, die mit den Produkten ihrer ökologisch arbeitenden Gärtnerei die über einhundert Anteilszeichner – „Gärtner*innen“ genannt – aus dem Dorf und Göttingen mit vor allem Feingemüse versorgen.

Pause bei der SoLaWi in Hebenshausen

Einladung der SoLaWi in Hebenshausen

Weiter ging es dann durch die Mittagshitze nach Friedland. Hier stand eine Führung durch das „Grenzdurchgangslager“ auf dem Programm. Mitarbeiter der hier soziale Hilfe leistenden Caritas führten die Touries über das Gelände und erläuterten die derzeitige Zusammensetzung der ca. 300 Personen, die zumeist als sog. Kontingentflüchtlinge aus Lagern für syrische Flüchtlinge in der Türkei kommen und die aufgrund ihres besonders schweren Schicksals dort von einer internationalen Organisation ausgewählt wurden. Friedland ,durchlaufen‘ aber auch Asylsuchende und noch immer deutschstämminge Immigranten aus den ehemalige Staaten der Sowjetunion (ca. 60 pro Monat). Dass das Phänomen der Einwanderung und der Flucht vielschichtig ist, das war vielleicht der zentrale Eindruck, den dieser Besuch hervorbrachte. 

Nicht zu übersehen: Die Geschichte der nach 1945 einsetzenden Rückkehr und Migration nach Deutschland wird symbolisiert durch das Denkmal des letzten „Heimkehrenden“, das neben der Kirche steht. Dazu ließe sich manches erörtern. 1955 wurden nach Adenauers Verhandlungen zehntausend in Russland verbliebene Mitglieder der Wehrmacht und der Waffen-SS als „Spätheimkehrer“ über das Lager Friedland aufgenommen. Hinzu kamen zwanzigtausend politisch inhaftierte Zivilisten. In Russland starben mehr als 20 Millionen Menschen (im Deutschen Reich: ca. 6 Millionen) durch Kriegshandlungen nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht. Nach Nazi-Deutschland wurden mehrere Millionen russische und polnische Zwangsarbeiter deportiert. Dazu könnte man fragen: Wer hat sich für deren Schicksal eingesetzt? Wer setzte ihnen ein Denkmal? Warum dauerte es Jahrzehnte, bis die deutschen Großkonzerne bereit waren, Rechenschaft über das Schicksal und die Entschädigung der Fremdarbeiter abzulegen?

Denkmal des letzten Heimkehrers im Lager Friedland (Foto von live-portraits, kassel)

Denkmal des letzten Heimkehrers im Lager Friedland (Foto von live-portraits, kassel)

Der Infohalt der Tour de Natur in der vor den Toren von Göttingen in Rosdorf errichteten, riesigen Biogasanlage musste verkürzt werden. Es war sehr heiß, kein schattiges Plätzchen auf dem Areal verfügbar und Gerüchsquellen an allen Seiten, die Alltag zumeist nicht bietet. Ein Vortrag informierte über die technischen und wirtschaftlichen Aspekte dieser sog. alternativen Energiegewinnung. Vielleicht für viele von uns erwartungswidrig: der Maisanteil ist relativ gering, der Zuckerrübenanteil ist erstaunlich. Dass auch Gülle aus der Stallmast eingebracht wird, ist wohl günstiger als deren Nitratüberschuss liefernde Ausbringung auf Ackerflächen. Trockenmist aus Hühnermastanlagen kommt auch in die Reaktoren, was ein riesiges Entsorgungsproblem etwas verringert und die Frage nach dem Antibiotikaverbleib aufwirft. Die neue Ausrichtung der Stromproduktion geht in Richtung komplementärer Leistung zu den wetterabhängig arbeitenden Windkraft- und Solaranlagen.

Was für eine herrliche Erfrischung eine Brunnenanlage an heißen Sommertagen bringt! Nicht nur die Kinder, die auf der Tour de Natur dabei sind, sondern auch viele Erwachsene freuten sich über den Stopp am Kreishaus in Göttingen und die hier sprudelnden Fontänen. Christel Wemheuer, die Kreisrätin, begrüßte die Teilnehmer der Tour de Natur und informierte über bemerkenswerte ökologische Projekte des Landkreises. Dazu gehört auch die Förderung des Radverkehrs.

Wasserspaß am Kreishaus (Foto von live-portraits, kassel)

Die nächste Station der heutigen Tour war das Stadtzentrum, das spiralförmig umradelt wurde, um möglichst vielen Passanten das Anliegen der Tour de Natur durch die mitgeführten Transparente, Fahnen und Wimpel sowie die skandierten Parolen (z. B. Ohne Auto mobil) zur Kenntnis zu bringen. Auf dem Marktplatz endigte diese Rundfahrt, natürlich am Brunnen mit der Gänseliesel.

 

Die Musiker der Tour de Natur erfreuten sodann das Publikum mit einigen schönen Stücken. Dann begrüßte der Göttinger Bürgermeister Ulrich Holefleisch die Tourteilnehmer mit einer amüsanten, aber sicherlich durchaus zutreffenden Bemerkung: das bunte Treiben der Tour erinnere ihn an frühere Zeiten, in denen Studierende in Deutschland für einen ungeahnten Aufbruch in eine bessere gesellschaftliche Zukunft sorgten. Dass Göttingen in der Verkehrsplanung eine geradezu vorbildliche Planung vorweisen kann, belegte Ulrich Holefleisch mit den Hinweisen auf die Radschnellwege, die das Stadtgebiet mit dem Umland verbinden sollen. Was hier bremst, seien die politischen Machtverhältnisse auf Bundes- und Landesebene.

Ansprache von Ulrich Holefleisch (Bürgermeister in Göttingen, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen) (Foto von live-portraits, kassel)

Ansprache von Ulrich Holefleisch (Bürgermeister in Göttingen, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen) (Foto von live-portraits, kassel)

Die Tour de Natur praktiziert eine Ernährung, die umweltschonend und gesund ist und für die meisten Menschen akzeptabel sein kann. Vegan wird gekocht und vegan sind auch die Zwischenmahlzeiten. Den Teilnehmern schmeckt es. Aber es gibt halt auch die kleinen unerfüllten Sehnsüchte, die dann in die Eisdielen hineinführen, wenn es heiß ist und es davon einige gibt, wie in Göttingens Innenstadt.

Die große Turnhalle des innenstadtnahen Felix-Klein-Gymnasiums bot den Touries eine großzügige, aber doch arg aufgeheizte Schlafgelegenheit. Nun, zuvor gab es noch ein begeisterndes Abendprogramm. Im milden Abendlicht spielte die Band Trykka (www.trykka.de) ihre zumeist tiefgründigen, manchmal auch einfach nur lustigen Songs, die von Akkordeon, Geige, Kontrabass, Gitarre und Percussion begleitet wurden.