Freitag, 27.07.2018: Siebter Tag der Tour de Natur – von Duderstadt nach Nordhausen (54 km)

Die Wegstrecke begann mit einem durchaus fordernden Anstieg. Gleich hinter Duderstadt musste hinaufgeradelt werden, um dann die sehr hügelige Landschaft des oberen Eichsfelds zu durchqueren. Der Anstieg wurde belohnt, mit herrlichen Ausblicken über die leuchtenden Getreideflächen und den Harz, dessen Bergkette im Norden anschließt. 

Es wurde wieder heiß, sehr heiß, und die reichliche Bevorratung mit Wasser erwies sich als dringend notwendig. Mit moderater Geschwindigkeit wurde geradelt, manchmal vielleicht zu langsam, aber halt stetig vorwärts. In dem Dorf Schiedungen fand die Mittagspause auf dem Sportplatz statt, leider ohne Toilettenanlage, aber mit Frischwasserversorgung durch die Küche. Auch wenn es heiß ist, Radfahren macht hungrig – das sah man am freudigen Verzehr von Gemüsesuppe, gemischtem Salat und frischem Brot mit würzigem oder süßem Aufstrich. Der nahegelegene Schiedunger See war leider nicht für das Baden nutzbar.

Für die mitreisenden Kleinkinder scheint die Radtour selbst bei heißer Witterung erträglich und in den Pausen vergnüglich zu sein. Man hört nur selten eines weinen oder schreien. Zumeist werden die Kleinkinder in Fahrradanhängern transportiert, in denen sie auch gern mal zwischendurch ein Schläfchen einlegen. Es gibt auch das Mitfahren im Kindersitz hinten und in diesem Jahr auch im Kindersitz vorn.

Momo mit Vater Daniel – beide beträchtlich Tour-de-Natur-erfahren (Foto von live-portraits, kassel)

Das Durchradeln dieser kleinen Dörfer ist in mancher Hinsicht auch interessant und lädt zum Nachbetrachten ein. Diese Region war im westlichen Teil „Zonenrandgebiet“ und im östlichen Teil „Grenz-“ bzw. „Sperrgebiet“. Seit der Wende gleicht sich das Erscheinungsbild der Dörfer erheblich an, obgleich in den ländlichen Regionen der neuen deutschen Bundesländer vielleicht doch auffallend mehr baufällige Gebäude anzutreffen sind. Was unterwegs auffällt: Die Größe der Ackerschläge in den neuen Bundesländern lässt die LPG-Vergangenheit noch immer erkennen.

Ein Trinkpausenstop am Dorfrand von Haferungen wurde erheblich verlängert. Plötzlich ging die Feuerwehrsirene und das Löschfahrzeug sauste an uns vorbei. Am Horizont stiegen Rauchwolken auf. Ein Feldbrand, der zum Glück schon bald gelöscht werden konnte. Aber aus Sicherheitsgründen musste die Tour am Standplatz eine Stunde warten.

Die folgende Wegstrecke war leider recht schlecht, weil wegen einer Straßenbaustelle auf eine tw. schottrige Umgehung ausgewichen werden musste. Es war staubig, holprig und es gab auch Steigungen, das am Nachmittag eines eh recht anstrengenden Tages. Aber wie eigentlich immer: Letztlich schafften es alle.

Bis auf Jürgen, an dessen hinterer Felge sich eine Bruchstelle zeigte. Eines der Lastenräder nahm Jürgens Rad im Tausch gegen ein Fahrfähiges auf, das Telefonat mit einer Werkstatt in Nordhausen war erfolgreich, und so konnte auch dieses Problem gelöst werden. Überhaupt empfiehlt es sich, vor Tourantritt die technische Qualität des Fahrrades eingehend zu prüfen. Für die Reparatur von Reifenpannen oder Kettenabsprung kann unterwegs gesorgt werden. Schwieriger wird es, wenn Funktionsteile wie Schaltung oder Bremsen ausfallen, da hier zumeist besondere Ersatzteile erforderlich sind.

Am Tagesziel Nordhausen angekommen, wurde die Tour de Natur auf dem Platz vor dem Rathaus von Ute Kraut, der Bürgermeisterin, freundlich begrüßt. Sie berichtete über die Schwierigkeiten der Industrieentwicklung in dieser Region, die einerseits erwünscht ist, aber andererseits akzeptiert die Stadt nicht massive Eingriffe in die schöne Landschaft des Südharzes. Nordhausen war im Nazi-Deutschland ein Standort der Rüstungsindustrie und wurde von den Alliierten sehr stark zerstört. Die städtebaulichen Folgen sind noch heute zu ahnen.

Begrüßung in Nordhausen durch die Bürgermeisterin (Foto von live-portraits, kassel)

Der ADFC Nordhausen bot an seinem Info-Stand nicht nur Materialien zu Radtouren und Verkehrspolitik an, sondern auch genug kühles Mineralwasser. Beides kam bestens an. Die Kulturgruppe der Tour trug den selbst komponierten Fahrrad-Rap vor.

Musikvortrag der Tour de Natur am Rathaus (Foto von live-portraits, kassel)

Zum Übernachtungsquartier war noch einige Kilometer zu radeln, zunächst weiter hinauf, der Straßenbahnstrecke bis hin zu den Plattenbausiedlungen folgend, dann hinaus aus der Stadt und hinein in den Wald zum Landgut Harzrigi. Hier gab es sowohl Mehrbettzimmer mit Bettwäsche als auch diverse Übernachtungsplätze im Freien, sehr willkommen an dem lauen Sommerabend. Eine Führung durch die Stallungen und Obst- sowie Gemüsegärten ließ ahnen, dass Schüler in diesem Landschulheim viel über ökologische Garten- und Viehwirtschaft lernen können. 

Etliche Bäume mit alten Obstsorten sind mit Schülern nachgepflanzt worden und tragen trotz Hitze reichlich. Die abgeworfenen Äpfel werden von den abweidenden Schafen und Rindern gern gefressen. Die Sattelschweine müssen leider im Stall bleiben, würden sich aber gern draußen aufhalten und an den faulenden und deshalb süßen Äpfeln guttun. Aufgrund der Schweinepestgefahr ist in Thüringen Stallhaltung angeordnet; im direkt angrenzenden Sachsen-Anhalt ist dies erstaunlicher Weise nicht der Fall. Der Gutsbetrieb legt auch in der Tierhaltung einen Schwerpunkt auf das Nachzüchten alter Rassen. Dies könnte sich in Zukunft als äußerst wichtige Entscheidung erweisen, wenn denn das eintritt, was sich bereits anbahnt: dass viele Pflanzen und Tiere durch Hochzüchtung verdrängt wurden und dass diese neuen und ,effektiven‘ Rassen sich als fehladaptiert erweisen, weil deren Resistenz gegen Krankheiten und Schädlinge zu gering ist. Rückzüchtung wird dann nur noch möglich sein, wenn es überhaupt noch Exemplare der alten Rassen gibt.

Ankunft am Quartier

Am Abend gab es einen Vortrag zur Gipskarstlandschaft im Südharz, die in vielen Aspekten einzigartig ist. Hier gibt es Kalkmagerrasen, Erdfälle und Mischwaldbestand. Seit zehn Jahren hat die Region den Status als Biosphärenreservat erreicht, d. h. diese gilt als besonders schutzwürdige, weil einzigartige Landschaftsformation, die sich am besten über den länderübergreifenden Karstwanderweg erkunden lässt. Bedrohung geht aus von dem schon bestehenden und in Erweiterung befindlichen Gipsabbau der Industrie (inbes. Firma Knauf), die an diesen Lagerstätten sehr interessiert ist, weil hier bei geringer Überdeckung (oftmals an weithin sichtbaren Steilkanten) Gips mit hohem Reinheitsgrad zu fördern ist. So soll am Alten Stollberg auf einer Fläche von 350 Hektar ein neues Förderareal erschlossen werden. Dagegen sprechen nicht nur Landschaftsschutzgründe, sondern auch die unnötige Ressourcenentnahme. Denn nur für den geringen Anteil von Formgips, nicht jedoch die meisten bautechnischen Gipsprodukte wird Gips benötigt, dessen Lagerschicht sehr dünn ist. Die darunter liegende, mächtige Schicht des Anhydrit könnte hier gleichfalls als aufbereitbare Ressource genutzt werden.

Abendvortrag im Harzrigi

Der spätere Abend brachte dann noch ein grandioses Schauspiel zu Ansicht. Der volle Mond wurde vom Erdschatten verdunkelt und hellte sich dann langsam wieder auf. Wunderbar, das alles jenseits der Helligkeit der Stadt beobachten zu können!