Sonntag, 29.07.2018: Neunter Tag der Tour de Natur – von Sangerhausen nach Röblingen (42 km)

Der Starkregen vom gestrigen Abend war vorüber, als es zum Frühstück ging. Zum Glück, denn bei Regen im Zelt zu campieren, das macht wenig Freude. Heute kündigte sich wieder ein sonniger, wenngleich am Vormittag nicht ganz so heißer Tag an. Das Trocknen der Zelte konnte auf den Abend zu verschoben werden; sie wurden in noch etwas feuchtem Zustand eingepackt. Dann startete die Tour de Natur mit einigen kleineren und größeren Steigungen, um schließlich in ein schönes Tal bei schier unendlicher Abfahrt hinab zu sausen. Unterwegs kamen wir an großen Obstanbaufeldern vorüber. Die dunkelroten Süßkirschen grüßten und mussten leider von uns an den Bäumen zurückgelassen werden. Auch die Apfelbäume tragen prächtig. Der gesamte Vormittag wurde für die Streckenfahrt beansprucht.

Unterwegs in den Obstplantagen

Die Mittagspause fand auf einem schattigen Platz unterhalb des Dorfes Wormleben statt, ganz in der Nähe der Rebhänge dieser Region. Hier liegen (noch?) die nördlichsten Weinanbaugebiete Deutschlands, die der Saale-Unstrut-Region zugerechnet werden.

Mittagspause in Wormleben

 

Mit Kleinkindern auf der Tour de Natur

Wie geht es eigentlich mit Kleinkindern auf der Tour de Natur? Diese Frage wird auch in diesem Jahr praktisch beantwortet, von mehreren Eltern, die ihre Kinder im Alter von ungefähr eineinhalb und drei Jahren mit auf die Tour nehmen. Es waren einige der Kleinen schon als Säuglinge mit dabei und deren Eltern gehören zu den erfahrenen Tourteilnehmern. Die jüngste Tourteilnehmerin bislang war ein kleines Mädchen, zwei Monate alt, das für kurze Zeit im Tragegurt mit dabei war.

Käthe mit Mutter, Onkel und Hund Kalle sowie Ronja

Was man als mitradelnder Tourie sehen kann, sind die üblichen Transportmittel für Kleinkinder, also Fahrradanhänger, die gezogen werden, was an Steigungen nicht ganz einfach ist und durch tätiges Schieben der Anderen erleichtert wird. Man sieht auch, dass die Kleinkinder zumeist das tun, was sie auch sonst wohl tun würden. In den Pausen während der Touretappen schauen sie sich um und laufen etwas umher, ihre Eltern bieten ihnen etwas zu trinken oder zu essen an, es wird auch mal etwas vorgelesen, Spielzeug ist vorhanden. Dass es auch andere Kinder in ihrem Alter gibt, interessiert die Kleinen, obgleich das Miteinanderspielen noch nicht so ganz gelingt. Manchmal gibt es irgendetwas, was sie unglücklich macht, und dann hört man dies, aber zumeist dauert diese Phase nicht lange an, weil es das Vermisste dann gibt oder Ablenkendes angeboten wird.

Was nicht verändert werden kann, sind die während der Tour einzulegenden Überhol- und Toilettenpausen. Wenn es gut geht, dann verschlafen die Kleinkinder diese Pausen, in denen Kinderanhänger den Schatten übrigens sehr viel nötiger haben als die meisten anderen Tourteilnehmer. Aber andererseits können Kinder gerade dann etwas anderes brauchen als das Fahren, wenn die Tour unterwegs ist. Alle anzuhalten für diese Bedürfnisse, das ist weder sinnvoll noch möglich. Vielleicht werden manchmal auch zu wenig Pausen eingelegt. Somit kommt es immer wieder zu Passungsproblemen. Was helfen kann, ist eine aktuelle Individualisierung des Tagesplans, die an den Wach- und Schlafphasen des Kleinkindes ausgerichtet ist und das Tourprogramm damit abändert. Ein Zwischenstopp kann ausgelassen, eine Abfahrt erst später angetreten oder ein halbes oder ganzes Tagesprogramm ausgelassen werden. Die Tourroute ist ja vollständig ausgearbeitet und so lässt sich auch ein Einholen oder Nachradeln oder eine Streckenverkürzung durchaus planen.

Gelegentlich soll es dann, wenn ein Kleinkind unzufrieden oder unglücklich ist und schreit, Kommentare von anderen Erwachsenen geben, die unpassend sind. Für die Eltern ist diese Situation sicherlich sehr fordernd, sie fühlen sich beobachtet und werden dies ja auch, und sie können nicht rasch eine Lösung für die Lage ihres Kindes finden. 

Sonja mit Mutter auf Klapprad

Aufwand macht die Versorgung mit Windeln, wobei hier beide Varianten zur Anwendung kommen: die Einmalwindeln und auch oder nur teilweise Stoffwindeln. Die hochsommerliche Wärme lässt es zu, dass die Kinder auch ohne Windelpackung mitradeln und an den Pausenstationen abgehalten werden. So leistet die Tour de Natur auch eine gewisse Unterstützung für das ,Trockenwerden‘. Hilfreich ist der mitgeführte Topf, auf dem während der Tourpausen nicht ungern Platz genommen wird, um thronend das Treiben der Radler anzuschauen. 

Für das Übernachten nutzen die Eltern mit ihren Kleinkindern bei warmem Wetter nur zum Teil das Zelt, das eine Art von Überschaubarkeit der Umgebung bietet, die das Kind wie eine Hülle erlebt. Allerdings kommt damit mehr Arbeit auf die Eltern zu, das Auf- und Abbauen geht halt nicht so rasch voran wie das Ausbreiten der Liegeunterlagen in einer Turnhalle. Auch bei diesen Aktivitäten ist die Hilfe Anderer willkommen.

In den Hallen mit Kleinkindern zu nächtigen, stellt einige besondere Anforderungen. Zum einen herrscht dort am Spätnachmittag bei der Ankunft ein sehr geschäftiges Treiben, weil viele Touries ihre Sieben Sachen drapieren und das Nachtlager mit Liegematten und Schlafsäcken vorbereiten. Zudem sind auch ältere Kinder gern in den Hallen aktiv, zum Beispiel, um dort die Turngeräte zu erproben oder Ballspiele zu veranstalten. Letzteres kann sehr störend sein und wird dann eingeschränkt. Jedenfalls geht es in den Hallen bis vielleicht 22 Uhr doch recht wuselig zu, was Kleinkinder irritieren kann.

Alwine mit Eltern

Es wird versucht, den Eltern mit kleinen Kindern einen gesonderten Schlafbereich zu verschaffen, wenn dies räumlich möglich ist. Wenn nicht, hilft in gewisser Weise, dass diese Eltern sich in einem bestimmten Bereich der Halle zusammenfinden und dort sich einrichten. Schlafen können die meisten Kleinkinder erstaunlich gut auf den Matten, gewärmt von Schlafsäcken und nah bei ihren Eltern. Stress für ihre Eltern würde entstehen, wenn ihre Kinder nachts unglücklich würden oder unklare Beschwerden hätten und schrien. Dann würden die anderen Schlafenden geweckt und am Weiterschlafen zunächst gehindert, was niemand gern möchte. Aber: Dies kommt nur sehr selten vor. Dafür gibt es wohl zwei Erklärungen. Zum einen fahren vielleicht nur solche Eltern mit solchen Kleinkindern bei der  Tour de Natur mit, die gute Erfahrungen mit auswärtigem Nächtigen haben. Oder die Kleinkinder schlafen halt fest und damit durch, wenn sie einen Tourtag hinter sich haben und erst gegen 21 Uhr oder gar noch später ins „Bett“ gehen. 

Auch Erwachsenen geht es so auf der Tour de Natur: Der Tag war anstrengend, das Essen gut, am Morgen geht es früh wieder los, da kommt dann gegen 22 Uhr doch eine erhebliche Schlafbereitschaft auf.

Die Teilnahme der Eltern von Kleinkindern am abendlichen Kulturprogramm oder Beisammensein ist sicherlich nur eingeschränkt möglich. Das ist ein echter Verlust, vor allem für jene Eltern, die früher schon mal ohne Kinder mitgefahren sind und wissen, wie interessant diese Abende sein können. Wenn beide Elternteile dabei sind, können diese sich ja wechselseitig mit der abendlichen Kindbetreuung abwechseln. Diese Aufgabe lässt sich wohl nur selten an Babysitter aus dem Kreis der Touries übergeben.

Ein weiterer Verlust liegt darin, dass die Eltern von Kleinkindern über den Tag doch sehr beschäftigt sind. Sie schaffen es zumeist nicht, an den vielfältigen Aufgaben mitzuwirken, haben also einfach keine Zeit für den Abwasch oder das Säubern der Hallen am Abfahrtsmorgen, und die Schnippelgruppe muss auch ohne sie auskommen.

Wie läuft es morgens? Ab 6 Uhr beginnt das Aufstehen; die meisten Tourmitglieder sind spätestens ab 7 Uhr damit beschäftigt, Morgentoilette zu machen und die Sieben Sachen zusammenzuräumen und auf dem Rad zu verstauen. So würde man erwarten, dass auch die Kleinkinder gegen 6 Uhr wach werden, was aber gar nicht so oft der Fall ist. Sie schlafen durchaus noch etwas länger.

Das morgendliche Einpacken bringt für die Eltern der Kleinkinder wiederum eine Phase starker Beschäftigung. Es scheint so zu sein, dass ihre Kinder, die ja nun in direkter Nähe dieses sinnfällige Tun erfahren, dafür Verständnis haben und ihre Eltern nicht übermäßig beanspruchen. Aber es könnte auch hilfreich sein, dass während des Transportierens des Gepäcks zum Beispiel vertraute andere Menschen sich um die Kleinkinder kümmern, damit deren Eltern schnell genau das tun können, was zu erledigen ist, und das heißt auch, sich hin- und her zu bewegen und nicht immer im Blickfeld des Kindes zu sein. Oder das Hilfe beim Tragen des Gepäcks angeboten wird.

Etwas nervig, übrigens nicht nur für die Kleinen, sind längere Zeiten des Wartens, bei kühler oder wie jetzt sehr heißer Witterung. Ein ernstes Problem der Tour de Natur liegt nach wie vor darin, dass es etliche Teilnehmer gibt, deren Zeitbegriff anders entwickelt ist oder die noch nicht gelernt haben, dass man halt früh aufstehen muss, wenn man morgens Mühe hat, „in die Gänge zu kommen“ und zugleich etliches zu erledigen hat. Warum es trotz aller Ansagen fast nie gelingt, tatsächlich um 9:30 Uhr mit der gesamten Gruppe loszuradeln, ist entweder ein veritables Geheimnis oder Anlass für eine sozialpsychologische Studie oder halt auch gelernt: letztlich wird doch auf die Trödler gewartet.

So kann es gerade den gut organisierten und tüchtigen Eltern der Kleinkinder schon ein Ärgernis sein, dass sie mit ihren Kindern einfach nur dastehen und noch x Minuten über den Abfahrttermin hinaus warten, was den Kindern langweilig werden und bei ihnen gewisse Verstimmungen auslösen kann. Vielleicht sollten gerade diese Eltern jenen Tourteilnehmern ein Praktikum anbieten, die am Morgen oder nach der Mittagsrast immer die Letzten sind.

Momo mit Vater

 

Viel Ersatzwindeln und Bekleidung mitzunehmen, das ist auf einer Radtour nicht möglich. Wie also halten es die Eltern mit dem Windel- und Wäschewaschen? Dafür sind nicht immer halbwegs günstige Einrichtungen in den Quartieren vorhanden. Waschmaschinen gibt es nie, Warmwasser mit hinreichend großen und verschließbaren Waschbecken nur gelegentlich. Und unter Duschen Wäsche zu waschen, das möchte man ja nun nicht gerade machen. Aber es geht, zur Not kann auch mit kaltem Wasser gewaschen werden, und in den Hallen und im Außenbereich lässt sich fast immer auch eine Wäscheleine installieren, die man aber im Gepäck haben sollte.

Die Eltern der Kleinkinder berichten, dass sie keine besonders aufwändige Vorbereitung für die Tour benötigen, da ihre Kinder alt genug sind, um an der Tourverpflegung – übrigens nicht selten mit genüsslichem Appetit – teilnehmen. Vegan und Vollkorn geht also auch für Kleinkinder. 

Die Essensausgabe ist für ein Elternteil, dass sein Kleinkind auf dem Arm trägt und in der langen Schlange wartet, eine ziemliche Belastung. Was spricht dagegen, den beiden den Vortritt zu lassen und zudem ihnen anzubieten, dass der eine oder die beiden Teller mit heißem Inhalt zum Essensplatz getragen werden.

 

Vom Süßen See in Seeburg nach Röblingen

Nach der Mittagspause wurde eine kurze Etappe geradelt, bis nach Seeburg an den Süßen See ging es. Viele Touries nutzten diese Gelegenheit für eine Abkühlung. Am Nachmittag setzte die hochsommerliche Hitze doch wieder zu.

Die Region der Mansfelder Landes hat eine lange Industriegeschichte. Hier ist Kupfer abgebaut worden, im Mittelalter noch oberflächennah in vielen kleinen Schächten, deren Abraumhalden man heute zum Teil noch in der Landschaft erkennen kann. Die Folgen des industriellen Bergbaus hingegen sind beträchtlich und augenfällig. So ziehen die sog. Kegelhalden immer wieder den Blick auf sich. Diese kahlen Berge mit ihren gleichmäßigen Flanken passen einfach nicht in eine ,Naturlandschaft‘, das scheint doch sehr schnell von uns bemerkt zu werden. Begrünbar sind diese Abraum- und Schlackestoffe nicht oder nur mit großem Aufwand, der nicht finanzierbar erscheint. Insbesondere müssten diese künstlichen Kegel abgeflacht werden, was erheblichen Flächenverbrauch und riesigen Transportaufwand zur Folge hätte.

An einem Infostopp erfuhren wir von Tourleiter Matthias („Tageshut“), dass es hier Seen mit ungewöhnlicher Bezeichnung und Geschichte gibt. Der tatsächlich so benannte Süße See bietet den Eindruck einer touristischen Attraktion. Hier gibt es Bootsverkehr und Ausflugslokale sowie Badestrände. Während der sodann von der Tour angesteuerte und durchquerte „Salzige See“ vor mehr als hundert Jahren trocken gelegt worden ist und erst seit einigen Jahren wieder mit Wasserzulauf versorgt wird. Wir radelten somit auf einer asphaltierten Straße hinter Seeburg den Berg hinauf und sodann wieder hinunter, um ein ungewöhnliches Tal zu durchqueren, das von Schilfflächen bestanden wird und eine niedrige Vegetation in der Mitte aufweist. Entstanden ist dieser salzhaltige See durch Zufuhr salzhaltiger Quellen, von denen es in dieser Karstlandschaft einige gibt.

Seeburg am Süßen See

Das Ziel des heutigen Tages war dann erreicht: Das Städtchen Röblingen, sehr schön gelegen auf einem Hügel, oberhalb des einstmaligen Sees, mit einem riesigen Gutshof, der sehr schön renoviert worden ist und von dem ein Teilkomplex als Festscheune genutzt wird. Hier gab es einen parkähnlichen Garten für Aufenthalt und Zelten und eine große (und relativ kühle) Halle für das Übernachten – und für den Bunten Abend.

An einem Abend der zweiwöchigen Tour sorgen viele Tourteilnehmer für eine humorvolle, nachdenkliche, klangvolle und immer interessante Unterhaltung, in dem sie Beiträge für den Bunten Abend vorbereiten und dann vorführen, unter der Regie (in diesem Jahr erneut) von Hilmar. Wir lauschten zum Beispiel Hilmars selbstverfassten Tourliedern, die er professionell mit Backgroundmusik vortrug, oder sahen eine ungewöhnliche und bizarr komisch vorgetragene Bühnenversion von Aschenputtel. Es gab eine Anleitung zum Rundtanz, Horst trug ein dadaistisches Gedicht vor, und ein absurdes Theaterstück über die Gelben Eisenbahnwaggons auf dem Bahnhof wurde von einem Trio vorgespielt. Karl-Heinz trug einen Text vor zum Thema „Demnächst auch Kater auf der Tour de Natur?!“ 

Zum Abschluss trat das so ungemein stimmbegabte Vokal-Gitarrentrio vor. Das erste Stück ist während der Tour verfasst und arrangiert worden, unter Mitwirkung weiterer und jüngerer Tourmitglieder, die den Vortrag unterstützten. Dazu eine kleine Frage: Was reimt sich auf Tour de Natur? Antwort dieses Songs: „Und ich schlafe auf dem Flur.“ Bier gab es keines, aber gute Stimmung kam auch ohne dieses Begleitgetränk auf und setzte sich noch für eine kleine Anschlusssession im Vorhof bis fast 23 Uhr fort.