Mittwoch, 01.08.2018: Zwölfter Tag der Tour de Natur – von Halle nach Pödelwitz (70 km)

So kann ein Tag gut beginnen: Frühstücksmüsli von Zain, pünktlich präsentiert um 8 Uhr. 

 

Die Ausfahrt aus Halle verlief etwas stockend. Es ist nicht einfach, eine solch große Gruppe von Radfahrern durch jene Straßen zu lotsen, in denen Straßenbahngleise recht nah zum Hochbord liegen. Hier muss dann in Einzelreihen gefahren werden, was durch das Einfädeln wiederum ,Stau‘ für die Radler verursacht. 

Ausfahrt aus Halle über die Magistrale (Foto von live-portraits, kassel)

 

Es gab auch mehrere kleine Malheurs, die aber allesamt glimpflich verliefen. Das Radeln in der Großgruppe verlangt doch beträchtliche Konzentration, um das Auffahren zu vermeiden. Insbesondere darf man nicht sofort abbremsen, wenn man zum Beispiel einen Gegenstand verloren oder eine Panne hat. Auch dafür gibt es eine Regel, an die morgens erinnert wird: die Schlussfahrer sammeln alles auf bzw. helfen, wenn man am Rand wartet.

Das Wetter war gut fürs Radeln, also warm, aber nicht heiß. Die Tour radelte nun in Richtung Süden und konnte sich somit in dem weiten Tal der Saale umschauen, das bei Leuna eine riesige Industrielandschaft ist und schon zu DDR-Zeiten war, in der es damals mehrere Zehntausend Arbeitsplätze gab, von denen nach der Wende nur noch ein Bruchteil bestehen geblieben ist. Spektakulär war der Verkauf der Raffinerieanlagen an den französischen Konzern Elf, für eine D-Mark. 

Diejenigen Tourmitglieder, die vor der Wende hier gelebt haben oder hier etwas zu erledigen hatten, berichteten, dass man die Chemieproduktion dauerhaft riechen konnte. Der Umweltschutz in der DDR – in der Großindustrie eine halbe oder ganze Katastrophe. Insofern hat die Wende gerade in diesem Bereich große Fortschritte gebracht. 

In der politischen Debatte standen und stehen sich dabei zwei Positionen gegenüber: ,Sicherung‘ von Arbeitsplätzen versus Sicherung einer lebenswerten Zukunft. Dass die zweite Position nicht das Gegenteil der ersten, sondern deren Voraussetzung ist, das möchte die Tour de Natur mit ihren Aktionen verdeutlichen.

 

Erdölchemieanlagen vor Leuna

 

Von Merseburg sahen die Tourteilnehmer nur einen Teil der Altstadt. In Bad Dürrenberg hingegen wurde zum Gradierwerk geradelt und dort eine Pause eingelegt. Dieses technische Bauwerk hat eine beeindruckende Länge von über 600 Metern.

Es ging weiter zur Mittagspause in das Dorf Röcken. Vielleicht ist es eine Bildungslücke: Viele Tourteilnehmer waren überrascht, dass sie hier auf Friedrich Nietzsche stießen, als moderne Skulpturengruppe künstlerisch dargestellt, als Aufschrift eines Grabsteins neben der Dorfkirche und als Namensgeber des kleinen Museums (Friedrich-Nietzsche Gedenkstätte), das von der Evangelischen Kirchspiel Lützener Land neben dem Pfarrhaus eingerichtet worden ist und zur Besichtigung einlädt.

 

Röckener Bacchanal – eingeweiht im Jahr 2000: Nietzsche steht dreifach am eigenen Grab

 

Von den Mitgliedern der Bürgerinitiative „Zukunft statt Braunkohle Region Lützen“, die sich gegen die Umsiedlung und die nachfolgende ,Abbaggerung‘ der Dörfer in der Region wendet, wurden die Tourteilnehmer im Pfarrgarten begrüßt und mit einigen Annehmlichkeiten empfangen. 

 

Begrüßung der Tour de Natur-Radler vor der Nietzsche Gedenkststätte in Röcken

Förderverein der Nietzsche Gedenkstätte

 

Hier, in diesem Pfarrhaushalt, hat Friedrich Nietzsche (* 15. Oktober 1844 in Röcken; † 25. August 1900 in Weimar) seine ersten fünf Lebensjahre verbracht. Als der Vater verstarb, zog die Familie (Mutter, Schwester, Großmutter, zwei unverheiratete Tanten, Hausmädchen – Friedrich also nun gänzlich im Frauenhaushalt) nach Naumburg. Vielleicht wirkten diese Erfahrungen nach, als Nietzsche später in seiner philosophischen Dichtung „Also sprach Zarathustra“ das alte Weiblein sagen ließ: „Du gehst zu den Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!“. 

Das Werk Nietzsches hat wohl zwei Gesichter. Er gilt als einer der größten deutschen Philosophen, auf sein Denken baute Sigmunds Freuds Psychoanalyse auf. Aber auf seinen Ideen konnte auch das Rassedenken des Nationalsozialismus gründen. Doch dazu folgendes Zitat aus Nietzsches „Die Fröhliche Wissenschaft“ (1882/1887):

„Wir Heimatlosen, wir sind der Rasse und Abkunft nach zu vielfach und gemischt, als ,moderne Menschen‘, und folglich wenig versucht, an jener verlogenen Rassen-Selbstbewunderung und Unzucht teilzunehmen, welche sich heute in Deutschland als Zeichen deutscher Gesinnung zur Schau trägt [...] Wir sind mit einem Wort – und es soll unser Ehrenwort sein! – gute Europäer.“

Am Nachmittag radelten wir dann in Richtung Südosten durch schier endlose Agrarflächen und durchquerten nur wenige Dörfer. Mitten drin gab es einen Pausenaufenthalt, an dem die sächsische Polizei die Begleitung übernahm und mit sechs Kleintransportern sowie einem Motorrad angerückt war. Dieser Aufwand verwunderte und wurde dann auch nicht genutzt; nur zwei Fahrzeuge blieben bei der Tour.

 

Polizeiübergabe in der Feldmark

 

Mit ,normaler‘ Polizeibegleitung ging es dann weiter nach Pegau, einer hübschen Kleinstadt mit pompösem Rathaus, vor dem eine Kundgebung stattfand.

Begrüßung der Tour de Natur durch den  Bürgermeister von Pegau bei der Aktion auf dem Marktplatz (Foto von live-portraits, kassel)

 

Hier berichtete Frank Rösel, der Bürgermeister des Ortes, vom Kampf seiner Stadt gegen die geplante Mineralstoffdeponie Profen Nord, die gleich nebenan eingerichtet werden soll. Deren Flächenverbrauch soll über 37 Hektar betragen und deren Endhöhe 50 Meter über dem Gelände, was in dieser flachen Landschaft sehr auffallen wird. Die Stadt hat sich mit dem BUND zusammengeschlossen und finanziert dessen mit Naturschutzargumenten begründete Klage gegen das Vorhaben, die bereits gerichtliche Erfolge erzielt hat.

Die Tour de Natur unterstützte mit einem eindrucksvollen Theaterstück – eine fiktive Gerichtsverhandlung über das Klageverfahren – und mit Musik den Protest der Stadtgemeinde gegen die Deponieplanung. 

 

Die Theatergruppe führt in Pegau ein Gerichtsverfahren mit Anhörung der Betroffenen und Befürworter auf

 

Gegen Abend erreichte die Tour dann Pödelwitz. Hier findet über eine Woche lang das „Klimacamp Leipziger Land 2018“ statt, das den Protest gegen den Braunkohleabbau und dessen Erweiterung und gegen die kohleverbrennenden Kraftwerke zum Thema hat. In diesem kleinen Dorf, in dem einstmals 130 Menschen lebten, wohnen noch knapp 30. Die MIBRAG (Mitteldeutsche Braunkohle AG) hat die meisten Gebäude aufgekauft und mit sog. Entschädigungen den Besitzern die Umsiedlung nahegelegt. 

Braunkohlentagebau „Vereinigtes Schleenhain“

 

Die Dorfgemeinschaft von Pödelwitz soll sich in zwei Gruppen gespalten haben. Die Einen wünschten sich diesen Verkauf ihres Besitzes, weil sie sich davon besondere finanzielle Vorteile versprachen. Die Anderen waren dagegen, weil sie hier weiter leben möchten. Mittlerweile hängt an den meisten Häuser ein Schild, das die MIBRAG dort angebracht hat. 

Dorfbeschilderung nach der ,Übernahme‘

 

Die vielen Teilnehmer des Klimacamps bringen ein faszinierendes Leben in das fast verlassene und insofern fast schon gespenstisch wirkende Dorf. Überall stehen Zelte und sind Versorgungsbereiche installiert worden (Humustoiletten, Außenduschen, Wasserzapfstellen, Waschbecken), für die es klare, der Hygiene dienliche Nutzungshinweise gibt. Das ist bei diesen hochsommerlichen Temperaturen sehr wichtig.

 

Markus bedient hygienisch sorgsam mit dem Ellenbogen den Wasserhahn