Donnerstag, 02.08.2018: Dreizehnter Tag der Tour de Natur – Klima-Camp in Pödelwitz

Das Frühstück im Klima-Camp war bestens organisiert von Fläming Kitchen, die hier für 1200 Personen alles bereit stellt, was diese essen und trinken einschließlich des Geschirrs. 

Das morgendliche Plenum fand im Großzelt statt. Hier gibt es auch eine technisch prima ausgestattete und von multilingualen Campmitgliedern besorgte Simultanübersetzung ins Englische und Spanische. Das ist ein grandioser Service! Wobei man auch fragen könnte, ob nicht alle Teilnehmer schon dadurch miteinander kommunizieren könnten, wenn die vermutlich bei allen oder fast allen vorhandene Sprachfähigkeit im Englischen genutzt würde. Aber: eine solche Veranstaltung in Deutschland durchweg auf Englisch?

Simultanübersetzung für das Plenum im Großzelt

 

Danach verteilten sich die Teilnehmer auf die zahlreichen, parallel angebotenen Workshops, die Themen behandelten wie Kohlepolitik, Aktionsformen, Rechtsberatung, alternative Garten- und Landwirtschaft oder Feminismus. 

Wenn man über das Gelände geht, sieht man zahlreiche Großzelte, viele junge Erwachsene, einige Ältere, einige Kleinkinder. Man hört mehrere Sprachen, meistens Deutsch, aber auch Englisch und Spanisch. Es gibt über zehn Großzelte, die für Workshops genutzt werden und die nachts den Teilnehmern der Tour de Natur als Quartier zur Verfügung stehen. Ein Pressezelt ist ebenso eingerichtet wie ein Sanitärzelt, und selbstverständlich gibt es auch ein Informationszelt mit Anmeldebüro.

Der gesamte Campbetrieb wird mit Strom versorgt, der aus Solarzellen gewonnen wird. Zudem gibt es frei zugängliches WLAN. Ein ausrangiertes Feuerwehrfahrzeug ist umgebaut worden zu einem Café in dem es köstliche Kaffee- und Teeprodukte im Ausschank gibt. Auf dem Dorfplatz bzw. gegenüber in einer kleinen Grünanlage ist ein Spiel- und Turngelände für Kinder eingerichtet worden.

Obgleich die Schlange vor der Essensausgabe über beträchtliche Zeit sehr lang ist und in der prallen Sonne gestanden werden muss, ist die Stimmung wie überall im Camp gelassen und freundlich. 

Am Nachmittag fanden wiederum diverse Workshops und eine Exkursion zum Tagebau Profen statt. Die Wegstrecke betrug gut 20 km. Erstaunlicherweise wartete bereits am Abfahrtspunkt im Dorf ein Polizeifahrzeug. Die ca. 20 Radler nahmen Radwege durch die Felder und den Wald. Auf der Zufahrtsstraße zum Tagebaugebiet zeigte sich dann wieder die Polizei. 

Die MIBRAG hat einen Aussichtspunkt zugänglich gemacht, von dem auf das Tagebaugebiet hinabgeschaut werden kann. Dort warteten auf die Exkursionsgruppe drei Mitglieder der Bürgerinitiative „Zukunft statt Braunkohle Region Lützen“ auf uns, mit einer Kiste Mineralwasser, zwei leckeren selbstgebackenen Kuchen und einem Transparent. Nach staunenden Blicken in das Tagebaugebiet, das von diesem Standort aus nicht so aussieht, als ob hier viel Braunkohle gefördert würde (keine Abraumbagger, keine Förderbagger sichtbar) nahm die Gruppe im Schatten Platz und wurde dort bewirtet und mit Informationen über die Arbeit der BI versorgt.

Am Aussichtspunkt auf den Tagebau Profen

 

Ein Polizeibeamter trat hinzu und erklärte, dass das Transparent erkennen lasse, dass es sich hier um eine Kundgebung handele. Ein dafür Verantwortlicher wurde gesucht, um sich der Polizei gegenüber auszuweisen. Das erstaunte die Teilnehmer dieser Radexkursion doch sehr. Noch mehr erstaunte sie, dass nicht nur ein Polizeikleinbus am nahegelegenen Parkplatz wartete, sondern drei dieser Fahrzeuge dort präsent waren.

Die Radler erfuhren Interessantes über den Widerstand gegen die Ausweitung der Braunkohleförderung in der Region Lützen. Eine Umfrage unter den Anwohnern konnte durchgeführt werden und erbrachte eine Ablehnung des Vorhabens von ca. 80 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung. Das heißt zwar nicht, dass sich die meisten Anwohner dagegen engagieren. Aber es zeigt, dass diese Industriepolitik von der großen Mehrheit der in dieser Region wohnenden Menschen abgelehnt wird.

Die Bürgerinitiative jedenfalls ist sehr engagiert und durchaus erfolgreich. Vielleicht zu erfolgreich? Denn die nette Vertreterin, die uns an diesem Nachmittag bewirtete und informierte, berichtete, dass sie in dieser Woche von der Kriminalpolizei daheim und auf der Arbeitsstelle Anrufe erhalten habe. Die Polizei wünschte zu wissen, wann diese „Exkursion“ zum Tagebau stattfinden würde bzw. wann die Abfahrt sei. 

Offensichtlich fühlten sich die Polizeibeamten unzureichend informiert, obgleich dieser Programmpunkt des Klima-Camps öffentlich kommuniziert war. Es könnte auch sein, dass die vielen Polizeibeamten eine Teilnahme an dieser Exkursion wünschten, sei es nun aus Gründen der dienstlichen Fortbildung und/oder aus persönlichen Gründen.

Letzteres steht allerdings in Widerspruch zu dem beobachtbaren Verhalten. Die Beamten ließen sich durch Verbleib in ihren Fahrzeugen sowohl den leckeren selbstgebackenen Kuchen als auch die Informationen über die BI-Arbeit entgehen. Aber verständlich ist dies letztlich doch, denn es war heiß an diesem Nachmittag, und die Kleinbusse verfügten über Klimaanlagen. Unser Schattenplatz in der Nähe des Aussichtspunktes war unter diesem Gesichtspunkt eigentlich ganz passabel, aber diese Erfahrung machten eben nur die zwei oder drei Beamten, die sich aus ihren Fahrzeugen dorthin bewegten. Mag sein, dass ihren Auskünften über die Lage von den Kollegen zu wenig Glauben geschenkt wurde.

Es könnte auch sein, dass die Beamten den besonderen Schutz dieser kleinen Fahrradexkursion zu gewährleisten wünschten. Im Notfall hätte sich fast vor jeden Radler ein Polizeibeamter schützend stellen können. Und als die Gruppe auf die Räder stieg und zurückradelte, fuhr ein Polizeifahrzeug hinter der Gruppe her. Auf der Zufahrtstraße herrschte kein nennenswerter Autoverkehr.

Möglicherweise lässt sich dieses Geschehen auch als ,gute Nachricht‘ verstehen: Die Polizei in Sachsen ist hoch engagiert und verfügt über genügend Fahrzeuge und Personal und Dienstzeit, um auch eine kleine Radlergruppe sorgfältig zu observieren und zu geleiten. Nur argwöhnische Menschen sehen in all dem einen Versuch, den Widerstand gegen die klimaschädliche Braunkohleindustrie zu kriminalisieren.

Ein Ereignis kam wenigen Tourmitradelnden am Nachmittag zufällig zu Ohren: Mehrere Kletteraktivisten hatten spontan einen Strommast vor dem Kohlekraftwerk Lippendorf erklommen und dort zwei Transparente aufgehängt. Die Hauptbotschaft lautete: „Saubere Kohle ist eine dreckige Lüge!“

Auch wenn Lippendorf eigentlich benachbart ist zu Pödeldorf und sozusagen in Sichtweite liegt, so war es doch nicht möglich, den direkten Weg (Straße) dorthin zu nehmen, da dieser über das Gelände der MIBRAG führt und nicht mehr öffentlich nutzbar ist. So musste eine dreiköpfige Tour-Delegation in brütender Hitze einen goßen Umweg durch die vor dem Beginn des Klimacamps sorgsam mit rotweißem Flatterband abgesperrten großflächigen Tagebaue Vereinigtes Schleenhain fahren, um den Aktivisten von Robin Wood auf dem Strommast und an der benachbarten Straße anerkennend zujubeln und einige Fotos schießen zu können. 

Wegen angeblich bestehender Lebensgefahr für die drei Radler bei ihrem Fotohalt auf abgeerntetem Stoppelfeld in ca. 100 m Entfernung zum bekletterten Strommast kamen sofort eine Polizistin und zwei Kollegen eigens mit ihrem Polizeibus (einer von dreien, welche die Kletteraktion bewachten!) herangeprescht. 

Sollte sich das Transparent durch den Wind lösen, so käme es direkt auf die Gruppe zu. Dann stünde an dieser Stelle der Acker unter Strom und alle wären in Lebensgefahr, so die Erklärung der besorgten Polizistin. Die weiteren Ausführungen des Kollegen, dass dann das ganze Feld dort verkohlen würde, betrachtete eine Tour-Teilnehmerin mit Schmunzeln als trefflichen Gag der Polizei. Sie erwiderte, dass sie jedoch momentan hitzebedingt nicht diskutierwillig sei bezüglich der Frage, wer oder was hier wen verkohlt...

Ein ackernder Landwirt, der in gleicher Richtung wie die Radler unterwegs war, wurde kurz angehalten, durfte aber dann weiter fahren (er sei ja sicher in seinem Faraday´schen Käfig ...)

Als sich dann das Grüppchen für bessere Fotos am anderen Ende des Feldes entgegen der Windrichtung postierte, kam – vermutlich wieder aus Sorge um deren Leben – die Busmannschaft nochmals herangefahren und wartete mit laufendem Motor, bis sich die nach etlichen Fotos erschöpften Radler zur Erholung niederließen. Da schien eine weitere Bewachung dann wohl doch nicht mehr erforderlich und der zweite Landwirt konnte in Ruhe beobachtet werde, wie er mit seinem Güllewagen nahe dem Mast übers Feld fuhr.

Exkursion zur Strommastplakatierung vor Pödelwitz

 

Der Abend im Klima-Camp brachte im früheren Teil den Auftritt von ,unserem‘ Peter mit seinen Protestsongs und im späteren Teil das Tour de Natur-Orchester, das mit zwei Gitarren, Klarinette, Querflöte, Geige und Akkordeon auftrat und begeisterten Applaus erhielt.