Sonntag, 21. Juli 2019, zweiter Tag der TdN 2019: Von Hamburg St. Georg nach Fünfhausen bei Hamburg (32 km)

Sonntagmorgen mitten in Hamburg in der Turnhalle des katholischen Gymnasiums in ignatianischer (d. h. jesuitischer) Tradition St. Ansgar: In der großen Turnhalle konnten die Tourteilnehmer gut schlafen, die Duschen lieferten warmes Wasser und die Stimmung war gut. Schön, dass die Tour de Natur in dieser Schule inmitten der Großstadt zu Gast sein konnte!

Am Vormittag fand das Anfangsplenum statt – eine wichtige Veranstaltung vor allem für neue Tourteilnehmer. Hier wurde die vielfältige Organisation dieser Radtour, die eine selbstorganisierte, basisdemokratische Fahrraddemonstration ist, sowohl humorvoll dargestellt als auch informativ erläutert. Für das Gelingen der Tour de Natur sorgt nicht nur die Vorbereitungsgruppe, sondern jeder einzelne Tourteilnehmer. Dazu gehört auch, dass sich Tourmitglieder für eine oder mehrere der Organisationsaufgaben zur Verfügung stellen. Im Toursprech: Es werden sog. Hüte verteilt, und wer einen solchen ,auf hat‘, der kümmert sich z. B. um die Tourmusik, die Pressearbeit oder um die mit einer Gruppe durchgeführte Hallenreinigung am Abfahrtsmorgen oder um die Schnippelgruppe, die am Nachmittag die Gemüsevorbereitung für das Abendessen übernimmt. Mithilfe beim Spülen wird immer spontan geleistet, eine täglich anfallende Aufgabe, an der sich jeweils mindestens sechs Touries beteiligen.

Neu in diesem Jahr ist, dass für eine geplante Baumpflanzaktion drei Flatterulmen auf Transportanhängern (Modell Karla Cargo bzw. Bob) mitgeführt werden. Also, vieles kann mit den Lastenrädern transportiert werden, leider nicht alles. So fährt in diesem Jahr wiederum ein Kleintransporter mit, der allerdings einen Elektromotor hat. Steffen hat sich bereit erklärt, den Wagen zu fahren. Dies ist wie das Lastenradfahren eine der besonderen Touraufgaben.

Anfangsplenum in Foyer des Gymnasiums St. Ansgar

Am späten Vormittag brach die Tour auf und radelte durch die Innenstadt zum sog. Altonaer Balkon, auf bzw. an dem der erste Infohalt stattfand – mit grandiosem Blick über die Elbe und auf die Hafenanlagen. Günter informierte über die Entwicklung Hamburgs zu einer Hafenstadt, die seit Jahrzehnten mehr oder minder erfolgreich versucht, trotz der ca. fünfzig Kilometer „Revierfahrt“ elbaufwärts mit den Nordseehäfen Rotterdam und Antwerpen um insbesondere Containerfracht zu konkurrieren. Dies bringt einerseits beträchtliche Umsätze im Hafenbereich, schafft jedoch auch massive Umweltprobleme, wenn auch den größten Containerschiffen hinreichende Fahrwassertiefe und -breite auf der Unterelbe angeboten werden soll.

Die mehrfach bereits durchgesetzten Elbvertiefungen durch Ausbaggern der Fahrrinne führen zu massiven Umweltgefährdungen und werden von etlichen Bürgerinitiativen kritisiert und im Ergebnis leider nicht erfolgreich abgewehrt, jedoch in der Durchsetzung verzögert und erschwert sowie mit Kompensationsmaßnahmen verknüpft. Rudolf informierte über den Zusammenschluss dieser Initiativen zum „Regionalen Bündnis gegen die Elbvertiefung“, das immerhin ein Klageverfahren bis zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig durchsetzen konnte.

Die durch Elbvertiefung verursachte Erhöhung der Fließgeschwindigkeit des Flusses führt auch zu einer erheblichen Steigerung der Schlickablagerung in den Hafenbecken. Dieser Schlick wird mit Schadstoffen kontaminiert, darf deshalb dieser nicht mehr auf Deponien verkippt werden und wird stattdessen per Schiff in bestimmten Arealen der Nordsee verklappt. Dort also findet ein erheblicher Schadstoffeintrag statt, den man nur dann für unproblematisch halten kann, wenn sich ganz woanders und damit gänzlich unerreichbar wähnt. Dann könnte man auch kaum etwas dagegen haben, dass deutscher Plastikmüll in Südostasien ins Meer geschüttet wird oder dass russische Atom-U-Boote im Eismeer verrotten oder dass Frachtschiffe auf „hoher See“ ihre Schweröltanks bzw. das sog. Bilgenwasser ,spülen‘ bzw. verklappen.

Infohalt auf dem Altonaer Balkon zum Thema Hafenindustrie und Elbvertiefung

Weiter ging es durch den Stadtteil St. Pauli zum Millerntorstadion, an dem Fläming Kitchen schon eine stärkende Mahlzeit vorbereitet hatte.

Die Tourteilnehmer jedweden Geschlechts und jedweder sexuellen Orientierung konnten unterwegs einen Eindruck von dem erhalten, was sexuell erfahrungsbedürftige Männer als Unterhaltungs- und Vergnügungslokale hier besuchen. Die kurzen Hafenliegezeiten der Containerschiffe lassen die vermeintlich frühere Hauptkundschaft nicht mehr bis nach St. Pauli kommen. Die rege Nachfrage nach sexueller Animation und Prostitution scheint doch wohl in erheblichem Maße aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft zu kommen. Erstaunlich, wie hier der Warencharakter weiblicher Sexualität zur Schau gestellt wird.

Fahrradstraßenschild in Hamburg

Die Mittagspause verbrachten die Tourteilnehmer vor dem Stadion eines großen Fußballvereins, an dessen Eingang eine lange Schlange von Fans bei beträchtlicher Sommerhitze darauf wartete, endlich zur Autogrammstunde der FC-St. Pauli-Spieler eingelassen zu werden.

Mittagspause am Millerntorstadion in St. Pauli

Für die kleinen Kinder, von denen einige auf der Tour de Natur dabei sind, gab es nach dem Mahlzeit eine Puppentheatervorführung von Heike Kammer, die schon mehrfach auf der Tour de Natur aufgetreten ist.

 

Puppentheateraufführung in der Mittagspause

Zeitgleich fand eine Informationsveranstaltung der Initiative „Prellbock Altona“ statt. Es ist kaum zu fassen: Auch nach dem Desaster eines extrem teuren und unsinnigen Bahnhofsersatzbaus in Stuttgart plant die Bahn, den Kopfbahnhof von Altona aufzugeben und das Gelände als Immobilie zu veräußern, um an weniger zentraler Lage den Durchgangsbahnhof Diebsteich auszubauen. Die Nachteile des Diebsteich-Projekts sind erheblich: erschwerte Zugänglichkeit im Vergleich zur Barrierefreiheit des Kopfbahnhofs Altona, höhere Kosten im Vergleich zur Modernisierung des Bahnhofs Altona, geringere Kompensationsmöglichkeiten bei Zugverspätungen, keine Ent-, sondern eher höhere Belastung des eh völlig überfrequentierten Hamburger Hauptbahnhofs.

Um 15 Uhr brach die Tour de Natur auf, um die Innenstadt über den Elbradweg entlang der Norderelbe in Richtung Süd-Osten zu verlassen. Dieser Abschnitt des beliebten Radfernwegs ist erst unlängst fertiggestellt worden und führt mit interessanten Blickperspektiven auf den Fluss hinaus aus dem Innenstadtgebiet, vorbei an der entstehenden Hafencity, einem der derzeit größten städtebaulichen Bau- und Infrastrukturprojekte, das gewiss nicht den auch und besonders in Hamburg dringend benötigten, weil bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen wird.

Gleichwohl, für Radler ist dieser Radweg eine sehr interessante Strecke, weil die Wegführung fast durchweg abseits der Autostraßen und zumindest im stadtnahen Bereich eher auf als neben dem Deich verläuft. Entsprechend stark ist hier der ,lokale‘ Radverkehr; die Großstädter wissen diese Route durchaus zu schätzen.

Eine Pause wurde beim Café Kaltehofe eingelegt, das auf dem nun „Wasserkunst“ genannten früheren Areal der Filterteiche eines Wassergewinnungswerks gelegen ist. Tatsächlich war es noch bis in die 1960er Jahre möglich, das Elbwasser zu Trinkwasser aufzubereiten.

Café Kaltehofe in der „Wasserkunst“: ein schöner und interessanter Pausenort

Dann war es nicht mehr weit zum Dorf Fünfhausen, noch dem Stadtstaat Hamburg zugehörig, in dessen großer Sporthalle bequeme Übernachtungsmöglichkeit angetroffen wurden. Das hochsommerlich warme Wetter lockte einige Tourteilnehmer zu einem erfrischenden Bad im nahegelegenen Hohendeicher See.