Dienstag, 30. Juli 2019, elfter Tag der TdN 2019: Bastorf – Rostock (53 km)

 

Es sah am Morgen wie Hochnebel aus, bei milden 23 Grad. Jedoch: Der Himmel blieb untertags verhangen; es gab einige leichte Regenschauer, keine Sonne, hingegen durchweg Rückenwind und somit für das Radfahren gar nicht so schlechte, nach den heißen Vortagen eher sogar etwas erholsame Bedingungen.

Die Route verlief in Richtung Osten mit einigem Abstand zur Wasserfront. Den recht mondänen Badeort Kühlungsborn durchquerte die Tour de Natur nur in den Randbereichen. Zu sehen war jedoch eine der besonderen Verkehrsattraktionen der Region: „Molli“, die Mecklenburgische Bäderbahn, die zwischen Bad Doberan über Heiligendamm nach Kühlungsborn verkehrt, als Schmalspurbahn mit Dampflokbespannung.

Schon seit vielen Jahrzehnten hat diese Bahnstrecke keine Funktion mehr im ÖPNV, sondern „nur“ noch als touristische Attraktion. Eine interessante Frage müsste dazu beantwortet werden: Kann solch eine Kohlebefeuerung und weitgehend ungefilterte Rußemission ökologisch gerechtfertigt werden mit dem Argument, dass umsatzbringende Touristen attrahiert werden?

Die Mecklenburgische Bäderbahn „Molli“ weist die Tour de Natur vor ihre Schranken

Und gleiches tut der Gegenzug

In Heiligendamm radelte die Tour de Natur an jenen noblen klassizistischen Gebäuden vorbei, die 2007 zum Hochsicherheitstrakt wurden, als der sog. G8-Gipfel dort tagte. Gegen diese Versammlung der politischen Repräsentanten der reichsten Länder der Welt und gegen deren Missachtung oder gar ausbeuterische Förderung der großen Armut in weiten Teilen der Welt richteten sich die Prostete zahlreicher Organisationen. Der Polizeieinsatz war massivst. Die Gesamtkosten zu Lasten des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Bundesrepublik Deutschland betrugen mindestens 100 Mill. Euro, was allein schon ein Skandal ist und auch bleibt, wenn dafür europäische Fördermittel nachträglich gewonnen werden konnten.

Nach dem Gipfel, der auch das Renommee des Grand Hotels Heiligendamm aufpolieren und die Reichen zur Nächtigung insbesondere in den ihrer Größe entsprechenden und mit angemessenem Preis (Frühstück übrigens inklusive) zu buchenden Suiten anlocken sollte, musste der Betreiber Insolvenz anmelden, was vielleicht auch als ein Symbol für den allgemeinen Niedergang der Exklusivität auf persönlicher und staatlicher Ebene verstanden werden kann. Kann dazu passen, dass das Land Mecklenburg Vorpommern ca. 50 Mill. Euro an Fördermitteln in solch eine Hotelanlage investiert hat?

An der östlichen Strandpromenade fand ein Infostopp statt. Matthias gab einige Informationen über die Geschichte der „Weißen Stadt am Meer“, die im 19. und beginnenden 20. Jhd. Treffpunkt des europäischen Hochadels gewesen ist. Zur DDR-Zeit wurde hier die Fachschule für angewandte Kunst (FAK) gegründet, in der bis 1990 Innenarchitekten, Möbel-, Produkt-, Grafik- und Schmuckdesigner ausgebildet wurden. Dann wurde dieser Standort geschlossen und als Teil der Fachhochschule Wismar auf dem dortigen Campus neu gegründet.

Matthias informiert über die Geschichte von Heiligendamm

Der Rückenwind schob die Tour de Natur weiter, so dass trotz einiger unvorhergesehener Zwischenstopps fast noch rechtzeitig Warnemünde erreicht wurde. Dort fand am Wahrzeichen des schon zu DDR-Zeiten sehr beliebten Urlaubsortes, am Leuchtturm, also mitten im touristischen Trubel, eine Kundgebung gegen den alltäglich anfallenden und leicht vermeidbaren Plastikmüll sowie gegen die Konsumierung von Lebens- und Genussmitteln statt, die mit einer sehr schlechten Ökobilanz aus fernen Ländern importiert werden.

Dieses Thema hatte die Theatergruppe der Tour de Natur in humorvoller Weise aufbereitet: Eine Familie schwadroniert über ihre Nahrungsmittelwünsche und begibt sich dann in ein Fischrestaurant, wo sie exklusive Getränke zum lokalen Ostseefisch bestellt. Letzterer wird auch serviert. Und mit Erstaunen stellen diese Gäste fest, dass im servierten Fisch allerlei Verpackungsplastik zum Vorschein kommt. Auf ihre Beschwerde antwortet der Kellner, dass es sich hier um naturbelassenen Ostseefisch handelt, dem man selbstverständlich weder fremde Ingredienzen zufüge noch zentrale Inhaltsstoffe entnehme. Ein Bühnenplakat brachte die Situation auf den Punkt:

            Früher war der Fisch in der Verpackung,
            heute ist die Verpackung im Fisch.

Es gab noch interessante Informationen zu der in Warnemünde praktizierten Entsorgung von z.T. bemerkenswert giftigen Wegwerfartikeln. So händigt die Touristeninformation kleine Blechdosen aus, in die die Strandbesucher ihre Zigarettenkippen hineinlegen können. Denn: die in einer Zigarettenkippe angereicherten Stoffe können 1000 Liter (Ostseewasser) so stark belasten, dass Kinder darin nicht baden dürfen.

Für musikalische Beiträge sorgten die Sambaglockenband unter der Leitung von Jürgen und die mit etlichen jugendlichen Mitgliedern erweiterte Gruppe „Jana und Band“.

An die vorbeikommenden Touristen und an die Zuschauer wurden Tourflyer verteilt. Es gab allseitigen Applaus für die Beiträge. Gewiss, einige Passanten fühlten sich von einer solchen Kundgebung nicht angesprochen, andere hingegen blieben stehen und hörten eine Weile zu, und wiederum andere nahmen auf den Bänken Platz und interessierten sich spontan für das gesamte Kundgebungsprogramm.

Kundgebung am Leuchtturm in Warnemünde

Nach der Mittagsmahlzeit am Kurpark von Warnemünde, bei leichtem Regen und durch diverse Überdachungen davor geschützt, radelte die Tour de Natur weiter in Richtung Süden. An einer Kreuzung im Gewerbegebiet fand eine besondere Aktion statt. Ein weiß gestrichenes Fahrrad lehnte dort an einem Verkehrsschild. Ein Vertreter der Initiative „Radentscheid Rostock“ berichtete über den in diesem Jahr hier geschehenen Unfall. Ein Lastwagenfahrer überfuhr beim Abbiegen eine Radlerin, die an den Folgen des Unfalls starb. Die Tourteilnehmer gedachten ihrer und all der anderen tödlichen Verkehrsopfer mit einer Schweigeminute.

Das „Weiße Fahrrad“ in Rostock

Matthias fasste die Faktenlage wie folgt zusammen: Das Rad ist ein sehr sicheres Verkehrsmittel, denn weit über 50 % der schweren Unfälle geschehen ohne Fremdbeteiligung. Aber bei den tödlichen Radunfällen sind Lastwagenfahrer fast immer beteiligt. Laut ADFC sind 2018 in Deutschland durch rechtsabbiegende LKW 28 Radfahrer getötet worden. Hier muss die Verkehrspolitik dringend einschreiten und sowohl entsprechende LKW-Abbiegeassistenten vorschreiben als auch Kreuzungen abbiegesicher ausbauen. Und im Zweifelsfall: lieber sein Leben retten, als auf seiner Vorfahrt beharren. Jeder geradeaus fahrende Radler sollte sich bei Querung von rechtsabbiegenden Fahrzeugen vergewissern, ob die Fahrer insbesondere von LKWs vorsichtig an die Radspur heranfahren.

Dann ging es in die Stadt Rostock hinein. Auf dem Rathausmarkt von Rostock führte die Tour de Natur eine Kundgebung durch. Zunächst traten „Jana und Band“ auf mit dem Tour-de-Natur-Song. Danach brachte Dieter sein Lied „Ein neuer Tag, ein neues Glück“ zu Gehör, und Peter schloss an mit seinem Protestlied „Das nette Miteinander im Verkehr“. Die Sambaglockenband machte wiederum das Publikum auf diese Kundgebung unüberhörbar aufmerksam.

Ein Sprecher der Initiative „Radentscheid in Rostock“ informierte über die Vorbereitung dieses Vorhabens, das die Stadtpolitik dazu zwingen soll, die Infrastruktur für den Radverkehr endlich massiv zu verbessern. Erfolgreiche Vorbilder dafür sind die Radentscheide in Berlin und Kassel.

Die Waldorfschule Rostock hatte die Tour de Natur zur Übernachtung in etlichen Klassenzimmern ihres schönen Gebäudes eingeladen.

Am Abend hielt Fabian Scheidler in der Societät Rostock maritim e.V. einen Vortrag zum Thema „Die Megamaschine“. Schade, dass die Anfahrt bei Regen stattfinden musste, aber dieser kleine Unbill wurde belohnt. Fabian Seidler formuliert die Kernthesen seines hochgelobten Buches wie folgt: Das Ende der Megamaschine legt die Wurzeln der Zerstörungskräfte frei, die heute die menschliche Zukunft infrage stellen. In einer Spurensuche durch fünf Jahrtausende führt das Buch zu den Ursprüngen ökonomischer, militärischer und ideologischer Macht. Der Autor erzählt die Vorgeschichte und Genese des modernen Weltsystems, das Mensch und Natur einer radikalen Ausbeutung unterwirft. Dabei demontiert er Fortschrittsmythen der westlichen Zivilisation und zeigt, wie die Logik der endlosen Geldvermehrung von Anfang an menschliche Gesellschaften und Ökosysteme zerrüttet hat. Die wachsende Instabilität und der absehbare Niedergang der globalen Megamaschine eröffnen heute jedoch Möglichkeiten für tiefgreifende Veränderungen, zu denen jeder von uns etwas beitragen kann.

Kommentare

Gruß zum Tourende

Liebe Touris, lieber Karlheinz: danke für diese grandiose Tour und für die detailgetreuen einfühlsamen Tagesberichte. Letztere habe ich insbesondere deswegen mit großer Hingabe gelesen, weil ich ja vor 8 Tagen ausgestiegen bin, mit der Vorstellung, bei einem anderen Event einsteigen zu müssen - dem Jazzworkshop der MSCW. Dort erging es mir wie in dem Sprichwort "der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach". Ein Fiasko, über das Ihr bei Bedarf mehr findet unter https://de.reclabox.com/beschwerde/196728-musikschule-city-west-berlin-jazzy-abzocke. Beinahe hätte ich es geschafft, wieder an die Tour anzudocken. Aber auch so, oder auch gerade wg. des folgenden Flops: das highlight in diesem Sommer. Kommt alle gut zurück, und bis vorauss. im nächsten Jahr herzliche Grüße - Erich.